Smartie, lehr mich das pöbeln

Dieser Beitrag ist für mich sehr persönlich. Für mich wichtig – weil ich meinen Gedanken einfach mal Luft machen muss. Ich möchte niemanden persönlich angreifen, an den Pranger stellen oder sonstiges. Ich muss nur loswerden, was “dumme Begegnungen” in mir und meinem kleinen Schokodrop anrichten.

Gestern hatten wir einen „schlimmen“ Tag. Eigentlich ist nichts passiert. Manchmal kommen Smartie und ich mit dem ganz normalen Wahnsinn in der Stadt besser klar, manchmal ärgert uns unsere Umgebung. Smartie ist so zum Stadthund geeignet, wie ich zum Stadtmenschen. Eher gar nicht. An Tagen wie gestern schaukeln wir uns gegenseitig im Stress Level hoch. Ich habe dann abends einen überstressten, leinen-pöbelnden Hund und bin ein Frauchen, das am liebsten auch pöbeln würde.

Unser Tag im Zeitraffer

Der Morgen startete mit einem entspannten Spaziergang in unserer Nachbarschaft. Soweit der Plan. Alles lief gut, bis uns zur Hälfte der Strecke zwei freilaufende Hunde aufs Korn nahmen. Egal! Smartie und ich sind es gewohnt und ausgewichen, mitten auf die nasse Wiese. Noch immer entspannt aber etwas schneller und den anderen Hunden schnüffelnd die Flanke zeigen. Smartie hat das toll gemacht! Als nach einer Ewigkeit das zu den Hunden gehörige Frauchen ahnungslos hinter ein paar Büschen auftauchte war die Situation bereits gelöst.

Etwas später liefen wir frontal in einen “Swombie”. Ihr kennt die Smartphone Zombies? Vorwärts schlurfen und aufs Display starren. Die Umwelt wird dabei konsequent ignoriert. Fehlt nur noch das bekannte „wwwaahhhhrrg“ und sie sind perfekt für Walking Dead. Der weibliche Swombie kam telefonierend um eine Ecke. Vor ihr liefen ein großer und ein kleiner Hund frei. Der große kam schnell sehr nahe. Er kam so nah, dass Smartie sich nicht mehr beherrschen konnte und sich lautstark beschwerte. Ich konnte ihm nicht böse sein, ich hätte das in diesem Moment am liebsten auch so gemacht. Das Dreiergespann zog weiter, wir beruhigten uns wieder und konnten den Spaziergang friedlich beenden.

Flucht ins Naturschutzgebiet

Am Nachmittag wollte ich uns beiden etwas Gutes tun. Entspannung! Fast vor unserer Tür liegt ein kleines Heide-Gebiet. Eingerahmt von Auto- und S-Bahn bietet es eine ebene, sehr überschaubare Fläche. Meist ist dort nicht viel los und man kann anderen Hunden und Menschen aus dem Weg gehen. Außerdem steht das Gebiet zu weiten Teilen unter Naturschutz. Hundebesitzer lassen ihre Fiffis zwar trotzdem frei laufen – aber sie gehen umsichtiger spazieren als außerhalb eines Naturschutzgebietes. Oft. Manchmal.

Am Feiertag haben sich offenbar alle Menschen entschieden, genau zu dieser Zeit dorthin zu gehen, trotz des miesen Wetters. Ganz so schlimm war es nicht, aber es war deutlich mehr los als an anderen Tagen. Wir sind einigen Hund-Mensch-Gespannen erfolgreich aus dem Weg gegangen. Einigen.

Smartie mag die Mehrheit anderer Hunde. Er braucht aber Raum und fühlt sich schnell bedrängt. Wenn Hunde frontal schnell auf ihn zu kommen, fühlt er sich nicht wohl. Sein Motto dann: Angriff ist die beste Verteidigung. In Situationen, in denen ihn mehr als ein Hund bedrängt, wird es kritisch.

Gestern kamen zwei Freiläufer auf uns zu. Schnell. Zwei Vertreter, die Smartie – warum auch immer – nicht leiden kann. Es wurde laut. Die Stimmung war extrem angespannt. Herrchen schlenderte mit einigem Abstand entspannt näher. Er entschuldigte sich, was angesichts der Ignoranz der meisten Menschen ein lobenswertes Wunder ist. Der Tag war dank der dritten negativen Begegnung trotzdem gelaufen und die Stimmung im Keller.

Die Spezies Eltern

Es war windig. Logisch, dass sich auch Eltern mit Kindern und ihren Drachen auf der Fläche tummelten. Smartie hat kein besonderes Interesse an Drachen. Nicht mehr. Ja, er hat mal einen “gefangen” *hüstel*. Damals hat er festgestellt, dass man Drachen nicht töten oder essen kann. Das Ergebnis: Drachen sind langweilig. Ich mache gern einen Bogen um Drachen. Die Schnüre sind dünn, fast unsichtbar und im Fall der Fälle sehr schmerzhaft.

Bogen bedeutet in diesem Fall also „aus dem Weg gehen“. Das ist allerdings schwer, wenn Eltern die Schnüre über 30 Meter lang auf dem Fußweg legen – neben einer großen Wiese. Ganz besonders sind auch die Exemplare Eltern, die selbst mitten auf dem Weg stehen und den Drachen dort steigen lassen. Motto: Ich bin wichtig und das Zentrum des Universums, was andere Menschen machen, ist mir egal.

Nachdem ich eh schon genervt war, habe ich eine Mutter darauf angesprochen. Die Wiesen um sie herum sind doch groß. Warum spielt sie nicht dort? Ihrer Meinung nach sei es kein “großes Drama“, wenn sie auf dem Weg spielt. „Man kann doch gut dran vorbei gehen“. Ich gebe zu, dass man das kann. Es ist aber nicht besonders sozial, von anderen Menschen Rücksicht zu erwarten, ohne sie selbst zu geben.

Pop-Up-Chaos

Die nächste und zum Glück letzte Hunde-Begegnung des Tages war eine “Pop-Up-Hundewiese”. Eine Pop-Up-Hundewiese taucht auf, wenn sich zwei oder mehr Menschen treffen und entscheiden, dass der aktuelle Ort ein großartiger Platz ist, ihre Hunde miteinander toben und spielen zu lassen. Soweit, kein Problem.

Weil man sich aber eben meist auf Gehwegen und vorzugsweise an Kreuzungen trifft, entstehen diese lautstarken und meiner Ansicht nach selten wirklich entspannten Hunde-Freilauf-Flächen immer – WIRKLICH IMMER – dort, wo jeder andere Mensch ebenfalls zwangsläufig vorbei muss. Möglichkeiten auszuweichen? Fehlanzeige. Die einzige Chance ist dann einfach umzudrehen und denselben Weg zurück gehen, den man gekommen ist. Denn so ein wild zusammengewürfelter Hundehaufen braucht ja ordentlich Platz um sich zu jagen…

Gestern tat sich wieder eine Pop-Up-Hundewiese vor mir auf. Zurück war keine Option. Ich wollte nicht nochmal Slalom um Drachenschnüre und Supermuttis gehen. Also habe ich versucht, dem Pop-Up-Haufen auszuweichen. Eine Fußballmannschaft voller Menschen stand an der Wegkreuzung und beobachtete eine ebenso große Hundemannschaft beim “Spiel”.

Smartie war nervös und wollte sich ablenken. In solchen Fällen bricht immer sein Jagdtrieb aus. Ich war genervt und selbst nervös, weil ich ihn geistig schon mit einem der seltenen Bodenbrüter im Maul gesehen habe. Der Spaziergang war also ebenfalls gelaufen.

Auf der kurzen Fahrt nach Hause musste ich noch eine Vollbremsung einbauen. Der Mensch, der in seinem BMW über die rote Ampel bretterte, hatte es eilig. Ist wahrscheinlich auch „kein großes Drama“. Er ist wichtig und musste bestimmt schnell beim Abendessen zuhause sein.

Für sich gesehen, sind das alles keine Begegnungen mit schlimmen Folgen. Niemand kam zu Schaden. Smartie und ich haben aber wieder einmal erkannt, dass wir für ein Leben in der Großstadt nicht gemacht sind. Oder ist die Stadt toll und wir Menschen sind Versager?

Leicht schmunzelnd musste ich feststellen, dass ich Smartie das Pöbeln nicht abgewöhnen kann, solange mich solche Begegnungen selbst so aufregen. Vielleicht sollte er mir stattdessen beibringen, wie ich Smombies, ignorante Idioten und Spieleltern selbst mal so richtig anfauchen kann.

Ich wünsche mir eine entspanntere Welt

Wie schwer kann es sein? Ist es wirklich unmöglich, das eigene Umfeld mehr zu achten? Ist etwas mehr Respekt für andere Menschen zu viel verlangt? Ich wünsche mir eine Welt, in der die Menschen mehr an ihr Umfeld und weniger an sich selbst denken. Wenn wir freundlicher, höflich und rücksichtsvoll mit anderen Menschen umgehen, ist doch alles viel einfacher. Der Schokodrop müsste nicht gestresst pöbelnd in der Leine hängen und ich müsste das Pöbeln gar nicht erst lernen.

Gerade wenn der Platz knapper wird wie hier in der Großstadt. Wenn man “zusammenrückt” muss man doch ein wenig nach dem anderen und dessen Bedürfnissen schauen.

Das traurigste für mich an solchen Tagen ist, dass die 98% positiver Kontakte, die wir gestern hatten, völlig in Vergessenheit geraten wegen ein paar blöder Begegnungen.

Ich möchte das nicht mehr – und ich möchte mich bei der Dame bedanken, die mich gestern morgen angelächelt und gegrüßt hat. Es hat mich gefreut, sie zu sehen und ich wünsche Ihnen einen sonnigen, freundlichen Tag voller rücksichtsvoller Menschen.

 

 

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