Die harten Fronten in der Hundewelt

Die harten Fronten in der Hundewelt

Wäre es nicht so traurig könnte man fast ein wenig darüber lachen. Die Fronten unter Hundeliebhabern scheinen sich immer mehr zu verhärten. Es gibt immer weniger “moderate” Einstellungen. Stattdessen scheint es nur noch “schwarz” und “weiß” zu geben. Zu Beginn fielen mir diese Grabenkämpfe nur bei einzelnen Themen auf. Fütterung und Zeckenvorsorge zum Beispiel. Doch mittlerweile scheint es bei jedem Thema zwei Lager zu geben – und nichts dazwischen.

Ausbildung und Erziehung – wirfst Du Kekse oder Deinen Hund?

Die Ausbildung und Erziehung scheint so ein Thema zu sein. Ehrlicherweise auch das, was mich zu diesem Beitrag veranlasst hat. Neulich habe ich in den sozialen Medien einen Beitrag gelesen, in dem es um die Frage ging, wie erzieht ihr euren Hund – aversiv oder positiv. Bei der Frage wurde auch klar, was für die Threaderstellerin “aversiv” bedeutet – Grenzen oder Verbote. Unter diesem Beitrag begann das gewohnte “hauen und stechen”. Beim Lesen bekam ich das Gefühl, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gibt: entweder ich bewerfe meinen Hund mit Leckerlis und versuche mich in anti-autoritärer Erziehung oder ich dominiere meinen Hund, unterwerfe ihn und lege ihm jede Menge Regeln und Grenzen auf.

Sehr häufig habe ich bereits in Artikeln und den sozialen Medien die These gelesen, dass ein Abbruchsignal (z.B. ein “nein”) bereits als aversiv angesehen wird. Selbst wenn das Signal positiv auftrainiert wurde. Das bedeutet, diese Menschen sind der Meinung, dass Smartie es bereits als “Strafe” ansieht, wenn ich ihm mit “nein” verbiete, den Vogel zu jagen. Selbst wenn er stattdessen zu mir schaut und eine Belohnung erhält.

Doch das Leben ist nicht schwarz-weiß. Und “positiv” muss doch nicht zwangsläufig “grenzenlos”, “Wattebausch” und “Anti-Autoritär” heißen. Genauso umgekehrt. Weil ein Hundebesitzer sich Grenzen und Regeln im Zusammenleben mit seinem Hund wünscht ist er nicht “böse” oder “brutal” und wünscht sich seinen Hund zu “unterwerfen”.

Warum gibt es nichts “dazwischen”?

Wo ist die schöne, entspannte Mitte in der man seinem Hund zum Beispiel auf positive Art und Weise Grenzen beibringen kann? Warum scheinen viele Menschen mittlerweile zu glauben, dass Grenzen Böse und Leckerli Wattebausch sind?

Um wieder zu dem “bösen” NEIN zu kommen: Natürlich schränkt ein Abbruchsignal meinen Schokodrop im Ausleben seiner Freiheiten ein. Genau dazu ist es da. Aber wenn wir mal kurz unseren Blickwinkel auf menschliches Verhalten legen: Ich darf in aller Regel innerorts nicht schneller als 50km/h fahren. Das ist eine Regel – klar, eine die das Ausleben meiner Freiheit einschränkt – ich kann nicht mit 100 durch die Stadt fahren und brauche deshalb auch etwas länger, um von A nach B zu kommen. Sogar steht die Zuwiderhandlung “unter Strafe”. Aber ich empfinde es nicht als Strafe, nur 50 km/h fahren zu dürfen. Und auch meinen Tacho, der mich warnt, wenn ich zu schnell fahre empfinde ich nicht als “böse”.

Zurück zum Hund: warum sollte er sich gestraft fühlen, weil ich sage “nein, jage den Vogel jetzt nicht. Lass uns lieber etwas gemeinsam unternehmen. Das macht doch viel mehr Spaß”. Ja – der Satz ist lang und deshalb ist das Abbruchsignal “NEIN”.

Und selbst WENN Smartie “nein” in diesem Moment als Strafe empfindet so ist doch die Frage was die Konsequenz wäre? Würde er den Vogel jagen könnte das ganze sehr negative Auswirkungen für den Vogel haben. Und vielleicht sogar für meinen kleinen Jäger. Vielleicht rennt er bei dem Versuch, den Vogel zu fangen vor ein Auto – das wäre mal eine ziemlich negative Erfahrung.

Menschen brauchen “gut” und “böse”

Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und stelle die These in den Raum, dass ein “aversiv auftrainiertes” Abbruchsignal immer noch die schönere Alternative ist als vom Auto überfahren zu werden. Oder vom Jäger erschossen. Oder durch das Aufnehmen eines Giftköders vergiftet zu werden. Ich denke wer mich kennt weiß, dass ich sehr sanft mit Smartie umgehe und mir bei der Ausbildung und Erziehung viel Zeit lasse. Dass ich, wann immer es möglich ist, ihm Freiheiten zugestehe und ganz sicher nicht “mit harter Hand” arbeite. Und dennoch gibt es Situationen, in denen ich die Stimme erhebe. Es gibt Signale, bei denen ich kein Zögern und keine Ausnahmen dulde. Eines davon ist das Abbruchsignal.

 

schwarz und weiß - die Fronten in der Hundewelt

Im Leben ist nichts “schwarz” und “weiß”. Es gibt nicht “gut” und “böse”. Wir Menschen sind alle unterschiedlich und auch die Tiere, die uns begleiten haben alle ihre eigene Persönlichkeit. Als menschliches Beispiel: Manchmal, wenn ich ein Paar miteinander erlebe denke ich “puh, wenn mein Mann so mit mir reden würde – damit würde ich nicht klarkommen.” Genau ICH. Weil ich eben bin wie ich bin und manche Worte oder Zwischentöne auf die Goldwaage lege. Andere dagegen nicht. Und so ist es auch in der Kommunikation mit meinem Hund. Ich versuche (und meistens klappt das auch) unsere Kommunikation, den “Ton” und die Intensität auf unsere Persönlichkeiten und auch auf unsere Tagesform abzustimmen. Und das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Punkte im Zusammenleben mit einem Tier: Achte auf seine Persönlichkeit und stimme was Du tust darauf ab. Wenn man es zudem noch schafft, das auf die eigene Persönlichkeit abzustimmen nennt man das

Authentizität

Eine der ersten Trainerinnen, die ich mit Smartie aufsuchte wollte von mir, dass ich mit Leinenruck und Schnauzengriff arbeite. Abgesehen davon, dass es für mein kleines Sensibelchen nicht das Richtige wäre, es ist nicht das Richtige für mich. Ich würde komplett gegen meine Natur, meine Art und Überzeugung handeln – und damit wäre ich unecht und nicht überzeugend. Nun ziehe ich tatsächlich genau dort die Grenze dessen, was ich persönlich als nicht mehr in Ordnung in der Hundeerziehung finde. Aber das Beispiel bleibt dasselbe, wenn man die Grenze verschiebt. So hat Smartie gelernt, nicht ins Gebüsch zu gehen in dem ich, wenn er es getan hat, diesen Raum für mich beansprucht habe. Ich habe ihn also, wenn man so will, “körperlich bedrängt”. Für manche Menschen ist das bereits etwas, was sie nicht tun möchten bzw. nicht mit Überzeugung tun können. Und das ist okay so. Deshalb gibt es noch viele andere Wege, einem Hund zu erklären, dass er doch bitte auf dem Weg bleiben soll.

Andersherum funktioniert es genauso. Ich kenne viele Menschen, die ihren Hund nicht mit Leckerli belohnen wollen. Prima. Es gibt so viele andere Wege, den Hund zu bestätigen. Doch nur, weil man etwas selbst nicht möchte oder mag ist es nicht “schlecht”, “böse” oder “falsch” – es ist lediglich ein anderer Weg. Ein Weg der für eine andere Persönlichkeit und die Persönlichkeit dieses Hundes vielleicht super passt.

Selbstverständlich lehne ich Gewalt und tierschutzwidriges Verhalten sowie Hilfsmittel, die dem Hund Schmerzen zufügen zu 100% ab. Eigentlich bin ich ein ziemlicher “Wattebauschwerfer” und Smartie und ich sind so ziemlich glücklich. Doch nicht alles, was nicht Wattebausch ist, ist Gewalt und tierschutzwidrig. Ich würde mir wünschen, das wieder mehr Menschen die Graustufen erkennen und leben.

Das Beitragsfoto stammt von Pixabay – herzlichen Dank 🙂 
Das Foto von Smartie von der wunderbaren R & M Fotografie, der besten Hundefotografin überhaupt 🙂 

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